Das zweite Konzept,
mit dem die Vertreter der Theorie des intermittierenden Gleichgewichts
aufwarten, ist das der "limitierten Populationen".
Damit meinen sie das Auftauchen neuer Arten in kleinen Populationen
von Pflanzen oder Tieren. Entsprechend dieser Behauptung zeigen
große Tierpopulationen keine evolutionäre Entwicklung
und "stagnieren". Doch manchmal werden kleine Gruppen
von ihnen getrennt und deren Mitglieder vermehren sich nur
noch unter sich selbst. Die Hypothese besagt, dies hänge
normalerweise von den geographischen Bedingungen ab. Makromutationen
sollen besonders effizient sein in solch kleinen, sich in
Inzucht fortpflanzenden Gruppen und deswegen könne eine
schnelle Spezialisierung stattfinden.
Doch warum beharren die Vertreter der Theorie des intermittierenden
Gleichgewichts so sehr auf dem Konzept der limitierten Populationen?
Der Grund ist klar: Ihr Ziel ist es, eine Erklärung zu
liefern für das Nichtvorhandensein der Übergangsformen
im Fossilienbestand.
Doch wissenschaftliche Experimente und
Beobachtungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass
die Zugehörigkeit zu einer
limitierten Population, aus dem Blickwinkel der Genetik betrachtet,
kein Vorteil, sondern eher ein Nachteil ist. Weit entfernt
davon, dass neue Arten entstehen, tauchen in kleinen Populationen
ernsthafte genetische Defekte auf. Der Grund dafür ist,
dass die Individuen innerhalb limitierter Populationen sich
ständig innerhalb eines sehr kleinen Genpools paaren
müssen. Somit werden aus Individuen mit vielen verschiedenen
Erbanlagen zunehmend solche mit gleichartigen Erbanlagen.
Das aber bedeutet, dass defekte, normalerweise rezessive Gene
dominant werden, mit dem Ergebnis, dass die Zahl der genetischen
Defekte und Krankheiten innerhalb der Population ansteigt.178
Dies zu untersuchen, wurde eine 35 Jahre
dauernde Langzeitstudie an einer kleinen ingezüchteten
Hühnerpopulation durchgeführt. Man fand heraus,
dass die Hühner im Lauf der Zeit genetisch zunehmend
schwächer wurden. Die Eierproduktion fiel von 100 Prozent
(bezogen auf die Gesamtzahl der Tiere) auf 80 Prozent, die
Fortpflanzungsrate ging von 93 auf 74 Prozent zurück.
Wenn aber "fremde" Hühner der Population hinzugefügt
wurden, schwächte sich der degenerative Trand ab oder
kehrte sich sogar um. Mit der Einbringung neuer Gene in die
limitierte Population normalisierten sich die Gesundheitsindikatoren
bei den Tieren und erreichten später wieder das normale
Niveau.179
Dieses und ähnliche Ergebnisse zeigen ganz deutlich,
dass die Behauptung der Vertreter der Theorie des intermittierenden
Gleichgewichts, kleine Populationen seien die Quelle der Evolution,
wissenschaftlich nicht haltbar ist.
  
178 M. E. Soulé
and L. S. Mills, "Enhanced: No need to isolate genetics,"
Science, 1998, vol. 282, p. 1658.
179 R. L. Westemeier, J. D. Brawn, J. D.
Brawn, S. A. Simpson, T. L. Esker, R. W. Jansen, J. W. Walk,
E. L. Kershner, J. L. Bouzat, and K. N. Paige, "Tracking the
long-term decline and recovery of an isolated population",
Science, 1998, vol. 282, p. 1695.
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